Kultur Lokal vom 12.08.2017

Böblingen/Stuttgart/Venedig: Wie Galerist Marko Schacher den Künstler Tesfaye Urgessa im Windschatten der Biennale in Venedig bekannter macht

Reif in der Malweise und dem Denken

  • Reif in der Malweise und dem Denken

Zu einem internationalen Kunstevent wie der Biennale in Venedig eingeladen zu werden, das ist gewiss ein Ritterschlag für jeden Künstler. Der vom Böblinger Marko Schacher und seiner Stuttgarter Galerie „Raum für Kunst“ entdeckte und vertretene Äthiopier Tesfaye Urgessa ist aktuell in Venedig mit zwei seiner Bilder vertreten – wenn auch nicht direkt auf der Biennale. Eine besondere Sache freilich ist dies trotzdem – für Schacher wie auch Urgessa.

Es war 2011 bei einem Rundgang durch die Kunstakademie Stuttgart, bei dem sich Schacher die Präsentationen des damaligen Jahrgangs ansah, als ihm insbesondere eine Bilderserie des aus Äthiopien stammenden Tesfaye Urgessa nicht nur ins Auge stach, sondern ihn zugleich auch berührte. Unter dem Titel „Holy Criminals“ hatte der 1983 in Addis Abeba geborene und zwischen 2009 und 2014 bei Professor Cordula Güdemann in Stuttgart studierende Urgessa fünf Porträtbilder von Personen gemalt, die wie Verdächtigte einer Verbrecherkartei ein Schild vor sich hielten, nur dass dieses komplett leer blieb, quasi, um zu sagen: Diese Menschen haben sich eigentlich gar nichts zuschulden kommen lassen.

Im Gespräch erfuhr Schacher, dass der Künstler nicht Erlebnisse aus seiner afrikanischen Heimat damit reflektierte, sondern biografische Hintergründe und Bezugspunkte zu offensichtlich schikanösen Begegnungen mit der Stuttgarter Polizei und die daraus für ihn resultierende Ohnmacht eine Rolle gespielt hatten. „Die individuellen Physiognomien und Körperformen sind mit wenigen, erstaunlich groben, aber gekonnt gesetzten Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht. Vor allem aber spürte ich im direkten Dialog die enorme Reife des damals 29-Jährigen, eine Gereiftheit, die sich auch in seinen Gedanken äußert“, berichtet Marko Schacher.

Seit seiner „Entdeckung“ hat Schacher den in Nürtingen verheirateten und dort in seinem Atelier arbeitenden, 2014 dann auch mit dem Akademiepreis der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste ausgezeichneten Künstler immer wieder in Gruppenausstellungen in seiner Galerie „Schacher – Raum für Kunst“ im Stuttgarter Galerienhaus untergebracht oder ihn auf der Art Karlsruhe präsentiert. Zu diesem Anlass brachte Schacher auch einen eigenen, 120 Seiten starken Katalog über das Werk von Urgessa heraus. Im September wird es in Wendlingen die erste Einzelschau von ihm in der Region geben.

Als Schacher nun im September 2016 eine Anfrage der GAA Foundation, die in Zusammenarbeit mit dem in den Niederlanden ansässigen European Cultural Centre während der Biennale eine große Ausstellung im Palazzo Bembo und dem benachbarten Palazzo Mora gleich neben der Rialto-Brücke organisiert, erhielt, war für ihn klar: Dies war die Gelegenheit, Urgessa auch international bekannter zu machen.

Zwei Werke durfte Schacher zur Verfügung stellen, und mit ihnen machte er sich in der Woche vor Ostern auf den Weg, um sie persönlich im Palazzo Bembo abzuliefern. „Ein Transport über einen Spezialisten wäre erstens kompliziert und zweitens teuer geworden“, so Schacher. Nach einer Nachtfahrt kam er frühmorgens um 6.30 Uhr in Venedig an, parkte sein Auto am Hafen und trug die beiden gut verpackten und zusammengeschnürten Bilder (160 x 140 Zentimeter) etwa eine Stunde lang zu ihrem Zielort an der Rialto-Brücke.

Dort hängen sie nun bei freiem Eintritt im Palazzo Bembo, wo Schacher neben einer Galerie aus Konstanz der einzige Künstlervertreter der „Personal Structures – Open Borders“ betitelten


Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann