Kultur Lokal vom 10.11.2015

Sindelfingen: Imre Török beeindruckt bei seiner Lesung im Z-Druck mit Sprachwitz und klaren Standpunkten

Leise, eindringlich und unerbittlich

  • Leise, eindringlich und unerbittlich

Keiner wagt auf dem Stuhl zu rutschen, kein Hüsteln ist zu hören bei dieser Geschichte, die einem schier den Atem raubt. Imre Török liest im Sindelfinger Z-Druck auf Einladung der SZ/BZ die Erzählung „Gesang der Nacht“ aus dem bisher nur auf türkisch erschienenen Sammelband „Kobane – Das Geflüster der Steine“.

Török erzählt von einem syrischen Flüchtlingsjungen, der vom Fieber geplagt in einem Lager an der syrisch-türkischen Grenze versucht, in den Schlaf zu finden. Vergeblich. Zu sehr plagen ihn Albträume von Krieg, Zerstörung, Tod. Bis eine Betreuerin den Jungen auf den Schoß nimmt und er sich langsam beruhigt. Török, der vor einem Jahr auf Einladung türkischer Schriftstellerkollegen in der türkisch-syrischen Grenzregion die Schrecken des Kriegs aus nächster Nähe gesehen hat, findet für diese Szene ein Bild, das einen nicht mehr loslässt: „eine Pietá in Mesopotamien.“

Was die Menschen, die sich in die Flüchtlingslager gerettet haben, erlebt haben, „das ist fast unbeschreiblich“, sagt Török. Er findet dennoch Worte, die ohne Pathos den angemessenen Ton zwischen Empathie und präziser Beschreibung treffen. „Ich weiß, das ist nicht einfach zu verdauen“, wendet sich Imre Török an das Publikum, „es war aber auch nicht einfach, es zu erleben.“

Auch in vermeintlich leichteren Stücken zeigt sich Töröks Souveränität. Da sind zum Beispiel die wunderbaren Wortspiele in der Geschichte „Über Herrn Fantas Tisch und wie er über denselben zu ziehen sei“ aus dem Erzählband „Wanderer Zwischenwelten“: „Dass ein Dummschwätzer meist an einem Politisch sitzt, ist hinlänglich bekannt. Ist er gar ein Vorsitzender, redet er poliert politisch. Hat er genug Tafelsilber mitgehen lassen, wird er richtig sympathisch. In der Wählergunst. Denn mancher Stammtischbruder wähnt sich gerne identisch mit einem erfolgreichen Heuchler und Betrüger.“

Das sind nicht nur bloße Fingerübungen eines virtuosen Sprachartisten. Hier schreibt einer, der klare Standpunkte hat. In Imre Töröks Geschichten geht es um Liebe und Freundschaft, um Mut und Zivilcourage. Nicht selten um Heimat und Fremde, um Minderheit und Vorurteile. Themen, die ihm, der einst als Flüchtlingsjunge aus Ungarn nach Deutschland kam, vertraut sind. Den erhobenen Zeigefinger braucht Török nie, um zu sagen, was er sagen will.

„Liebe und Rebellion hängen manchmal eng zusammen“, sagt Imre Török und erzählt die Geschichte „Am feurigen Berg“, ebenfalls aus dem Band „Wanderer Zwischenwelten“. Das heißt, er lässt


Von unserem Redakteur Tim Schweiker