Lokales vom 30.08.2017

Bundestagswahl: Der Sindelfinger Richard Pitterle steht nicht auf der Landesliste der Linken für die Wahl am 24. September, kämpft aber unverdrossen um jede Stimme

„Ich bin Tänzer, aber kein Traumtänzer“


Die Zeichen stehen auf Abschied, doch Richard Pitterle macht Wahlkampf, als sei nichts passiert. Kaum zurück aus dem Urlaub, schmeißt er sich in seinen blauen Anton und klebt Plakate. Für die Linke und für sich. Der 58-Jährige holt Gregor Gysi und den Fraktionsvorsitzenden der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, zum Wahlkampf in den Landkreis und steht treu und brav an den samstäglichen Infoständen auf den Marktplätzen seinen Mann. So wie es sich für einen Wahlkämpfer gehört, der nach Berlin will.

Das hat 2009 und 2013 geklappt. Der Sindelfinger Stadtrat schaffte über die Landesliste der Linken in Baden-Württemberg den Einzug in den Deutschen Bundestag. Dort hat sich der Jurist im Finanzausschuss einen Namen gemacht und zum Beispiel wegen der unsäglichen Cum-Ex-Geschäfte der Regierung und Wolfgang Schäuble unbequeme Fragen gestellt. Davon bleibt der Finanzminister in der neuen Legislaturperiode verschont. Richard Pitterle wird dem neuen Bundestag mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr angehören.

Das Direktmandat im Wahlkreis 260 zu erringen, ist eine Option, von der man als Linker im Schwabenland vielleicht träumen kann, mehr aber auch nicht. Und auf einem aussichtsreichen Platz, wie bei den beiden zurückliegenden Wahlen, wollte Parteichef Bernd Riexinger den bisherigen Abgeordneten aus Sindelfingen nicht mehr haben. Der Parteitag Ende Januar war für Pitterle eine einzige Enttäuschung.

Die Buschtrommeln hatten ihm schon signalisiert, dass der Bundesvorsitzende aus Stuttgart einen Gegenkandidaten organisiert, der Pitterle den einigermaßen sicheren Listenplatz vier streitig machen soll. Pitterle ist Teil eines Machtkampfes zwischen Riexinger und dem Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch. „Ich war immer loyal“, sagt der 58-Jährige, doch er gehört zusammen mit Bartsch zur „Reform-Bewegung“ bei der Linken und damit war er raus aus dem Rennen um einen guten Platz.

Jetzt steht mit Tobias Pflüger aus Freiburg der stellvertretende Bundesvorsitzende und ein Riexinger-Mann auf Platz vier. Pitterle ließ sich zur Kandidatur für Platz sechs überreden und bekam noch einmal eins auf die Mütze – er unterlag einem 24-jährigen Studenten aus Karlsruhe. Selbst an dieser Stelle rührt Riexinger keinen Finger für den amtierenden Abgeordneten.

Für Richard Pitterle ist das persönlich ein Schlag ins Kontor, doch sein Engagement für die Sache und für die Politik der Linken lässt er sich nicht madigmachen. „Ich hadere nicht mit meiner Partei“, bekennt er ein halbes Jahr nach dem Parteitag. Der 58-Jährige will auch ohne realistische Chance auf ein Mandat in Berlin „die Interessen der Menschen vertreten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“.

Dass so ein Volksvertreter im wahrsten Sinne des Wortes mit größter Wahrscheinlichkeit nicht mehr dem Deutschen Bundestag angehören wird, ist jammerschade. Sagt nicht nur Florian Wahl: „Das bedauere ich menschlich sehr. Richard Pitterle ist ein grundanständiger, fleißiger und redlicher Abgeordneter. Das ist sehr schade für den Kreis Böblingen und sehr ungerecht angesichts seiner Leistung“, schreibt der frühere SPD-Landtagsabgeordnete nach dem Linken-Parteitag.

Weil die Sache mit der Rückkehr in den Bundestag schon seit einiger Zeit gegessen wurde, ist bei Richard Pitterle in den letzten Wochen viel von Abschied und vom letzten Mal die Rede. Letzte Sitzung des Finanzausschusses, Abschied vom Berliner Abgeordnetenbüro, letzte Eröffnung der Wanderausstellung über den Deutschen Bundestag. Aber die Wahl findet doch erst am 24. September statt? „Ich bin Tänzer, aber kein Traumtänzer“, sagt der große Freund von Salsa und Tango, der mindestens einmal in der Woche mit seiner Frau tanzen geht.

Auch wenn es für ihn nicht reichen wird – Pitterle „kämpft um beide Stimmen“. Sein Erststimmen-Ergebnis soll nicht schlechter sein als 2013 und für die Partei will er viele Zweitstimmen sammeln, damit die Linke „möglichst stark in den Bundestag kommt“.

Bis der neue Bundestag zusammentritt, steht Richard Pitterle seinen Mann, fliegt mit Wolfgang Schäuble im Oktober zum Gipfeltreffen der Finanzexperten in die USA und nimmt noch Termine in Berlin wahr. Der Abschied aus dem Bundestag wird nicht der einzige Umbruch im Leben des 58-Jährigen sein. Er steigt wieder stärker in die Stuttgarter Anwaltskanzlei ein, für die er auch in kleinem Rahmen während seiner Abgeordnetenzeit gearbeitet hat. In Berlin räumte Pitterle sein Büro, in Stuttgart haben er und sein Kollege neue Räume am Bahnhof bezogen. Schon deshalb sieht er nicht die Gefahr, „in ein Loch zu fallen“.

Außerdem ist da ja noch die Kommunalpolitik. In Sindelfingen sitzt er im Gemeinderat und in Böblingen im Kreistag. Und eine Rückkehr in den Bundestag ist nicht ausgeschlossen und eine Kandidatur im Jahr 2021 denkbar. Florian Toncar von der FDP macht es ja gerade vor.

„Es hat angefangen, Spaß zu machen“, sagt Pitterle über seine acht Jahre im Deutschen Bundestag und selbst als Oppositionspolitiker gibt es Glücksgefühle. „Unterhalb von Anträgen kann man auch mit den Kollegen von den Regierungsparteien etwas erreichen“, sagt Pitterle über seine Erfolgserlebnisse im Parlament.


Von Chefredakteur Jürgen Haar