Sport Lokal vom 21.04.2017

Nachgehakt

„Furchtbar und typisch für unsere Gesellschaft“

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Heute kann sich der ehemalige DFB-Schiedsrichter Knut Kircher voll auf seinen Job im Sindelfinger Daimler-Werk konzentrieren. Den Ball und seine ehemalige Kollegen hat er aber noch im Blick. Er sagt, der Ton auf und neben dem Platz wird rauer. Den Neulingen macht der 48-Jährige dennoch Mut.

Nach dem Bayern-Aus in Madrid brach die Schiri-Schelte wieder einmal mit aller Macht los. Was sagen Sie dazu?

Knut Kircher (Bild: z): „Fehlentscheidungen sind immer ein Thema. In etlichen Situationen arbeitet der Schiedsrichter aber an der Wahrnehmungsgrenze. Und einfach gesagt: Schiedsrichter sind auch nur Menschen.“

Die jedoch vom Videobeweis entlastet werden könnten.

Knut Kircher: „Da war ich anfangs Traditionalist, denke aber, der Beweis könnte die Spitzen glätten. Es werden aber immer Grauzonen bleiben.“

Werden Schiedsrichter schlimmer angegangen als früher?

Knut Kircher: „Ich denke schon, und ich finde es furchtbar. Aber ich glaube, das ist typisch für unsere Gesellschaft, die zunehmend die Schuld bei anderen sieht. Wenn einem etwas nicht passt, wird gepoltert.“

Warum tut man sich den Job dann überhaupt noch an?

Knut Kircher: „Weil er so vieles bietet, das einen auch auf persönlicher Ebene weiterbringt. Man lernt Entscheidungen zu treffen, Konflikte auszuhalten, Kompromisse einzugehen, überhaupt einen Standpunkt zu haben. Und dann ist da noch das schöne Spiel an sich.“

Welche Rolle nimmt da der Schiri ein?

Knut Kircher: „Ich sage mal aus der Sicht des Fußballers: Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn einer in moderaten Worten dafür sorgt, in welchen Leitplanken ich mich sonntags in Zweikämpfen ausleben kann. Und wenn es mir als Schiedsrichter gelingt, über eine gelungene Vorteilsentscheidung das Spiel am Leben zu halten, ist das doch auch wie ein gelungener Spielzug.“

 

 


Von unserem Redakteur Jürgen Wegner