Kultur Lokal vom 15.07.2017

Das SZ/BZ-Kulturgespräch: Monika Heber-Knobloch bespielt für die Biennale Sindelfingen mit ihren Tanztheater-Ensembles die ehemalige Schalterhalle der alten Volksbank

„Alle sind Spaghetti im Kochtopf“

  • „Alle sind Spaghetti im Kochtopf“

 

Früher ging es hier um Geld, Überweisungen, Sparbücher oder Wertpapiere. Monika Heber-Knobloch nutzt mit ihren Tanzensembles an der Musikschule Sindelfingen die ehemalige Schalterhalle der Volksbank an der Mercedesstraße als Spielstätte für die Biennale 2017. Gestern Abend ging die Premiere über die Bühne.

Die SZ/BZ sprach mit Monika Heber-Knobloch, die seit 35 Jahren an Musikschulen unterrichtet, 1985 die Tanzwerkstatt an der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen, 1995 in der Kunstschule Böblingen und 2003 in der Schule für Musik, Theater und Tanz (SMTT) Sindelfingen den Fachbereich „Modern Dance Tanztheater“ aufbaute.

Für das Tanztheater hat die Biennale Sindelfingen 2017 eine neue Spielstätte entdeckt. Wie kommen Sie mit der Schalterhalle der alten Volksbank zurecht?

Monika Heber-Knobloch: „Am Anfang war ich etwas skeptisch, als mir Markus Nau diesen Raum vorgeschlagen hat. Wir haben lange überlegt, wie wir Bühne, Zuschauertribüne und Technik anordnen.

Christian Ländner, der mich als Techniker seit vielen Jahren begleitet, hat die zündenden Ideen gegeben. Und wir haben bei Architektin Christine Laur im Amt für Gebäudewirtschaft immer ein offenes Ohr gefunden. Jetzt freue ich mich richtig auf die Aufführungen.“

Beim Biennale-Spaziergang mit den SZ/BZ-Lesern haben Sie vor einem Monat eine kleine Kostprobe aus Ihrem Programm gegeben. Was erwartet die Zuschauer beim „Zeit. Punkt“-Tanztheater?

Ich habe mir Zeit als Thema ausgesucht und bin auf das Buch von Rüdiger Safranski gestoßen

Monika Heber-Knobloch: „Wir arbeiten schon seit Januar 2016 an diesem Projekt. Ich habe mir Zeit als Thema ausgesucht und bin auf das Buch von Rüdiger Safranski gestoßen. ‚Zeit, was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen‘ ist meine Grundlage. Wir nehmen zum Beispiel die tägliche Routine: Was prägt unseren Alltag, was ist gut, was geht uns auf die Nerven?“

Die Texte übersetzen Sie dann in Bewegungen?

Monika Heber-Knobloch: „Nein. Die Texte sind eine Auseinandersetzung auf einer zweiten Ebene. Parallel zum Schreibworkshop haben wir die Themen mit tänzerischen Mitteln aufgegriffen: In der Improvisation suchen die Tänzerinnen nach dem getanzten Ausdruck für ihre persönliche Sicht auf das Thema. Sie setzen um, was sie bewegt. Aus diesen Szenen entwickeln wir nun in einer langen Arbeitsphase die einzelnen Stücke.“

Was hat es mit dieser Schreibwerkstatt auf sich?

Monika Heber-Knobloch: „Wir haben mit Annette von der Mülbe eine Schreibwerkstatt zum Thema organisiert und die einzelnen Titel zur ‚Zeit‘ bearbeitet. Das sind zum Beispiel der Neuanfang, den man wagen will und das Handy, das so viel Zeit frisst, aber auch die Harmonie, die man sich so oft wünscht. Annette von der Mülbe hat die Texte zusammengetragen und eine Endfassung erstellt.“

Als Ergänzung zu Rüdiger Safranskis Buch „Zeit“?

Monika Heber-Knobloch: „Als weiteren Aspekt des Themas. Die Texte haben wir im Studio von Ingo Sika eingesprochen und sie werden die Aufführung begleiten.“

Das ist eine Premiere in Ihrer Arbeit.

Es ist nicht die einzige Premiere für diese Biennale

Monika Heber-Knobloch: „Es ist nicht die einzige Premiere für diese Biennale. Zum ersten Mal stehen das Andas-Ensemble mit seinen 23 bis 30 Jahre alten Tänzerinnen und meine vor über 30 Jahren gegründete Tanzwerkstatt gemeinsam auf der Bühne. Diese Kostprobe hat die SZ/BZ-Lesergruppe bei ihrem Spaziergang im Juni gesehen.“

Bei den ersten Proben in der alten Volksbank kam die Musik noch vom Band.

Monika Heber-Knobloch: „Wir haben uns schnell für Jogi Nestel und Klaus Küting entschieden, die ich beide seit langer Zeit kenne und schätze. Für das Biennale-Programm stellen die Percussionisten Kompositionen zur Verfügung, haben zwei Stücke neu für uns geschrieben und bauen live auf der Bühne einen Improvisationsteil ein.“

Improvisation ist das Zauberwort auch für das junge Tanztheater an der Musikschule Sindelfingen.

Monika Heber-Knobloch: „ Sich zu unterschiedlichster Musik bewegen, Stimmungen und Gefühle ausdrücken, kleine Geschichten oder Themen in Bewegung umsetzen und dabei der Fantasie freien Lauf lassen dürfen: Das ist fester Bestandteil des Modern Dance Tanztheaters.“

Was sind das für Aufgaben, die Sie Ihren jüngsten Schülerinnen geben?

Monika Heber-Knobloch: „Mir fallen immer wieder neue Geschichten ein. Man ist zum Beispiel der Kaugummi, der im Maul eines Riesen gekaut wird. Oder alle sind Spaghetti im Kochtopf. Am Anfang sind alle hart und unbeweglich.

Aber das Wasser wird heißer, die Spaghetti weicher. Und wenn sich die Nudeln dann in der Tomatensoße kringeln, sich übereinander schieben und vermischen, macht das einen Riesen-Spaß. Improvisation ist immer eine Vorstufe der Choreografie.“

Wird diese Arbeit auch im Biennale-Programm zu sehen sein?

Monika Heber-Knobloch: „Ich habe ganz bewusst zwei Aufführungen mit dem jungen Tanztheater an der SMTT ins Programm genommen. So tanzen die Jüngsten, also Kinder im Alter zwischen sieben und neun Jahren, eine Improvisation mit Blumen.

Auf der anderen Seite zeigen die Tänzerinnen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren in ‚Anders‘ die Veränderungen in ihrem Leben und entwerfen dabei ihre eigenen kleinen und größeren Tanzstücke.“

Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Vivianne Küting, die im Biennale-Musical eine Hauptrolle spielt, oder ihre Kollegin Monica Mead, die ebenfalls zum Team in der Klosterseehalle gehört.

Monika Heber-Knobloch: „Ja, beide sind im Musical engagiert. Die Menschen in der Kulturszene von Böblingen und Sindelfingen sind zum Teil gut vernetzt. Man kennt sich und die Zusammenarbeit ist eine Zeit der intensiven kreativ-künstlerischen Auseinandersetzung, die, bei aller Proberei, einen Riesenspaß macht. Schade ist, dass ich so wenig vom restlichen Programm der Biennale gesehen habe.“

„Andas Modern Dance Art“ hat Monika Heber-Knobloch 1985 aus der Taufe gehoben. Das Ensemble hat seitdem neun Programme erarbeitet und steht bei der Biennale zum ersten Mal mit der 1985 gegründeten Tanzwerkstatt auf der Bühne. Bild: Musleh/z

Monika Heber-Knobloch. Bild: Knobloch/z

 

 


Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch